Test zu Dispatch: Der Superheld am Schreibtisch
, von Enzo
Was wäre, wenn es ausnahmsweise mal nicht das Schwierigste wäre, die Welt zu retten … sondern mit denen klarzukommen, die sie retten? Mit Dispatch bietet AdHoc Studio einen erfrischenden Ansatz zum Thema Superhelden: Hier gibt’s keine spektakulären Prügeleien und keine Städte, die mit kosmischen Kräften dem Erdboden gleichgemacht werden. Wir sitzen hinter einem Schreibtisch, Kopfhörer auf den Ohren, und versuchen so gut es geht, das richtige Team zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu schicken. So beschrieben klingt das nach einem langweiligen Bürojob … aber in der Praxis ist es viel fesselnder als erwartet.
Ein Konzept, das neue Wege geht
„Dispatch“ basiert auf einer einfachen und cleveren Idee: Du schlüpfst in die Rolle des Leiters eines Superhelden-Zentrums. Hier spielst du nicht selbst den Superhelden, sondern verwaltest sie – sowohl in der Multiple-Choice-Story als auch in der Echtzeit-Strategie. Das Spiel geht den üblichen Fantasien des Genres entgegen, und schon dieser Perspektivwechsel reicht aus, um dem Spiel eine echte Identität zu verleihen.
Krisen treten in Echtzeit auf, Notfälle häufen sich, und es liegt an dir, zu entscheiden. In den Zwischensequenzen haben deine Entscheidungen Konsequenzen, die unter Umständen dauerhaft sein können. Im Management-Teil musst du herausfinden, wen du wohin schickst, wie du das machst und welche Auswirkungen das auf die Alarmmeldungen hat. Jeder Held hat seine Stärken, seine Schwächen, sein Ego und manchmal … seine persönlichen Probleme.
An der Schaltzentrale
Was das Gameplay angeht, verbindet Dispatch also Management, Erzählung und Entscheidungsfindung. Die Einsätze kommen in Form von Anrufen, Nachrichten oder Alarmmeldungen, und du musst ein Team zusammenstellen, das der Situation angemessen ist. Den stärksten Helden loszuschicken, ist nicht immer die beste Idee: Müdigkeit, Stress, die Chemie zwischen den Charakteren … alles spielt eine Rolle, und oft wirst du die Konsequenzen tragen müssen.
Die Entscheidungen müssen oft schnell getroffen werden, manchmal unter Druck, und sie sind selten unbedeutend. Eine falsche Entscheidung kann zu Verletzungen, internen Spannungen oder weitreichenderen erzählerischen Folgen führen. Das Spiel schafft es, einen spannungsgeladenen Rhythmus aufzubauen, ohne jemals in unnötige Hektik zu verfallen.
Der Einstieg ist insgesamt leicht, auch wenn manche Spielmechaniken eine kurze Eingewöhnungszeit erfordern. Die Grundlagen versteht man schnell, aber das Ganze zu meistern, erfordert Aufmerksamkeit und ein gewisses Talent für Diplomatie. Die Phasen der Teamverwaltung hätten einen größeren Anteil im Spiel verdient, aber auch mehr Tiefe bei der Verwaltung und Nachverfolgung im Verlauf der Episoden.
Inszenierung und Atmosphäre
Optisch setzt „Dispatch“ auf Schlichtheit. Die Benutzeroberfläche ist übersichtlich, gut lesbar und ganz auf das Gameplay ausgerichtet. Die künstlerische Gestaltung versucht nicht, dich zu beeindrucken, erfüllt aber ihre Aufgabe perfekt: Man versteht immer, was gerade passiert, und man taucht richtig in das Spiel ein. Technisch gibt es nichts zu beanstanden.
Was die Atmosphäre angeht, passt der Soundtrack gut, ohne jemals zu dominieren; er untermalt sowohl die ruhigen Phasen, in denen der Spieler etwas durchatmen kann, als auch die intensiveren Momente. Die Synchronisation ist übrigens überzeugend und trägt dazu bei, die Charaktere glaubwürdig zu machen.
Superhelden, aber vor allem Übermenschen
Wo sich Dispatch wirklich abhebt, ist die Schreibweise. Die Superhelden sind keine bloßen Schachfiguren mit ordentlich aufgereihten Werten: Es sind Charaktere mit starkem Charakter, Gefühlswelten und manchmal komplizierten Beziehungen.
Die Dialoge sind gut geschrieben, oft mit Humor oder geschmackvoller Derbheit gewürzt, und vermeiden gekonnt die Falle der erzwungenen Ironie. Man schließt das Team schnell ins Herz, und manche Entscheidungen bekommen eine unerwartete emotionale Tiefe. Im Spiel geht es genauso sehr um Verantwortung, Druck und Teamarbeit wie um die Rettung von Zivilisten in Not. Das Ganze wird noch mit ein paar unerwarteten Romanzen gewürzt, die ebenfalls überraschende Wendungen nehmen.
Auf dem PC getestet.Unsere Bewertungsrichtlinien findest du hier.
7/10
Dispatch ist eine angenehme Überraschung. Die Geschichte ist nach wie vor mit Abstand einer der größten Pluspunkte des Spiels, genau wie der Wiederspielwert. Insgesamt bringt das Spiel frischen Wind in narrative Spiele, bei denen man manchmal zu passiv ist, und fügt durch die Dispatch-Spielphasen gleichzeitig eine strategische Dimension hinzu. Wir hätten uns gewünscht, dass diese im Spiel mehr Raum einnehmen und tiefgründigere Mechaniken bieten, damit sie sich weniger wie ein einfaches „Neben-Minispiel“ anfühlen. Ein Abenteuer, das einen Abstecher wert ist!
- + Ein solider, witziger und menschlicher Schreibstil
- + Ein frischer Wind in diesem Genre
- + Entscheidungen, die wirklich etwas bewirken
- + Das Erzähltempo ist gut dosiert
- - Ziemlich indirekte Wirkung
- - Die Mechaniken für Management und Strategie sind nicht tiefgehend genug
- - Geringer Anteil der Einsatzleitung im Vergleich zum Rest








